Katrin Mathis

Digitale Konzepte
mit mehr Wert.

25. September 2013

Es war am 22. Mai 2009. Von meinem Auslandssemester in Mexiko aus hatte ich mitverfolgt, wie einige meiner Kommiliton:innen ein Barcamp an meiner Hochschule in Furtwangen organisierten. Am vergangenen Sonntag traf ich auf dem Barcamp Stuttgart viele Freund:innen, die ich in den letzten vier Jahren kennengelernt habe. Grund genug, dem Aufruf von Stefan Evertz zu einer Blogparade über unser erstes Barcamp aufzugreifen und meine Faszination von Barcamps zu erklären.

Damals war mir das Konzept von Barcamps nicht neu. Dennoch finde ich den Namen bis heute verwirrend. Er wurde für das erste Barcamp in Palo Alto gewählt, als Gegenveranstaltung zum FooCamp (Friends of O’Reilly). Es ist allerdings immer schwer zu erklären, dass es bei Barcamps nicht ums Trinken geht (auch wenn es oft dazugehört), sondern um Networking und den Austausch von Wissen.

Als die Hochschule Furtwangen im Mai 2009 ihre Türen für das erste Fucamp öffnete, war ich beeindruckt, dass vom Catering über die Kinderbetreuung bis hin zu einem Shuttleservice für alles gesorgt war – und zu meiner Überraschung war dank Sponsoren alles kostenlos. Zu den Highlights bei anderen Events gehören eine Cocktailbar beim Saarcamp, Massagen beim Barcamp Stuttgart oder die simyo Power Station. Da die Teilnehmenden sich um wenig Gedanken machen müssen, sorgt dieser ausgewöhnliche Service immer für eine entspannte Atmosphäre.

Bereits bei meinem ersten Barcamp war mir bewusst, dass das Konzept von Barcamps beinhaltet, dass jede:r einen Beitrag leistet, sei es mit dem Halten einer Session oder dem Anpacken in anderen Bereichen. Damals schrieb ich gerade meine Bachelorarbeit bei der IMC AG zum Thema „E-Learning in European Web-based Social Network Using Widgets“ und bereitete daher eine Session zum Thema „E-Learning 2.0“ vor, in der ich über einige meiner Erkenntnisse sprach. Es kam so, dass ich dies im allerersten Sessionslot präsentierte, bevor ich überhaupt an einer anderen Barcamp-Session teilgenommen hatte. Der Raum füllte sich schnell, und während meiner Präsentation entwickelte sich eine interessante Diskussion über die Zukunft der Bildung.

Seitdem habe ich an neun Barcamps in Stuttgart, Karlsruhe, Konstanz und Saarbrücken teilgenommen, darunter zwei Themen-Barcamps, das TYPO3 Camp in Stuttgart und das UX Camp Europe 2013 in Berlin.

Der Blick über den Tellerrand

Anders als bei traditionellen Konferenzen gibt es keine vorher festgelegten Referenten. Das Programm wird stattdessen zu Beginn gemeinsam gestaltet. Jede:r kann ein Thema vorschlagen, entweder in Form eines gut vorbereiteten Vortrags oder in Form einer lockeren Diskussion, zum Beispiel zu einer bestimmten Frage. Der große Vorteil liegt in der Aktualität der Themen. Da sie nicht Monate im Voraus bei einem Aufruf festgelegt werden, können Themen aufgegriffen werden, die praktisch erst vor Minuten aufgekommen sind.

Wenn die Sessionboards sich füllen, gibt es immer mehr interessante Sessions als Zeit. Ich habe im Laufe der Jahre aus nahezu jeder Session, an der ich teilgenommen habe, etwas mitgenommen. Das hilft mir, bei aktuellen Themen auf dem Laufenden zu bleiben, Einblicke in verschiedene Bereiche zu bekommen und mich einfach inspirieren zu lassen.

Bei jedem Barcamp, an dem ich war, habe ich mindestens eine Session gehalten, meistens über Google Analytics und Service Design Thinking. Mein Wissen zu teilen, hat mir immer geholfen, mit anderen in Kontakt zu kommen, die ähnliche Interessen haben. Obwohl es nie meine vorrangige Absicht war, hat dies im Laufe der Jahre zu mehr als einem Auftrag geführt, manchmal erst Jahre später. Mitunter entstehen Ideen für Sessions erst während des Wochenendes. Nachdem ich zum Beispiel beim Saarcamp 2012 am Samstag die neue Version von Google Analytics vorgestellt hatte, fragte mich Ralf Westbrock, ob ich am Sonntag eine weitere Session halten könnte, die einige der Grundlagen abdeckt. Wir konnten Roland Rietmüller dafür gewinnen, den Account von meistertipp.de für eine spontane Live-Demonstration zur Verfügung zu stellen, die ein sofortiger Erfolg wurde.

Diejenigen, die zum ersten Mal an einem Barcamp teilnehmen, haben oft das Gefühl, nichts beitragen zu können, und ich finde es ganz erstaunlich, wie viele von ihnen im Laufe des Wochenendes realisieren, dass jede:r etwas Wertvolles beitragen kann. Das Besondere an Barcamps ist die unterstützende Atmosphäre. Es wird Feedback gegeben, anstatt jemanden schlechtzumachen, und in vielen Sessions werden die Inhalte von allen Teilnehmern mitgestaltet.

Neben den Sessions sind es die Teilnehmer:innen, die ein Barcamp zu einem Erfolg oder Misserfolg machen. Bei Barcamps sind alle auf Augenhöhe. Anders als bei anderen Veranstaltungen erfolgt Networking nicht auf erzwungene Weise, sondern ergibt sich von selbst.

Mit internen, unternehmensweiten Barcamps Impulse setzen

Wenn Barcamps so erfolgreich sind, warum nicht alle Mitarbeiter:innen eines Unternehmens für einen Tag versammeln, um Wissen auszutauschen? Unternehmen, wie die Deutsche Post DHL, Vodafone oder SWR haben das Potenzial von internen Barcamps längst erkannt.

In Zeiten, in denen Kompetenzen das wichtigste Kapital vieler Unternehmen sind, befähigen interne Barcamps die Mitarbeiter:innen durch einen abteilungsübergreifenden Austausch von Wissen und bewährte Praktiken. So können sie dazu beitragen, das gegenseitige Verständnis zu fördern und den Teamgeist zu stärken, indem sie sich gegenseitig besser kennenlernen. Sogar Impulse für neue oder verbesserte Produkte und Dienstleistungen können von internen Barcamps ausgehen.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Obwohl mir jedes einzelne Barcamp sehr gut gefallen hat, teile ich Ulrike’s Bedenken:

  • Bei fast allen Barcamps ist die No-Show-Rate ziemlich hoch. Aus eigener Erfahrung durch die Organisation des Service Design Jam in Freiburg weiß ich, wie viel harte Arbeit in der ehrenamtlichen Organisation solcher Veranstaltungen steckt. Es ist nur fair, seine Anmeldung zu stornieren, wenn etwas dazwischenkommt, und seinen Platz für Leute auf der Warteliste frei zu machen.
  • Die meisten Barcamps sind kostenlos, aber die Erwartungen sind trotzdem sehr hoch. Viele Teilnehmer:innen verlangen ein Catering, das die unterschiedlichsten Essensgewohnheiten berücksichtigt und Merchandise, wie T-Shirts. Andererseits scheinen Barcamps, die eine kleine Gebühr erheben, wie das Barcamp Stuttgart mit 10€ pro Tag, eher von der Teilnahme abzuschrecken. Ich bin gerne bereit, für alles, was ich als Gegenleistung bekomme, einen kleinen Beitrag zu leisten, und ich denke, dass das dazu beiträgt, dass nur diejenigen teilnehmen, die ernsthaftes Interesse haben.
  • Barcamps sind stark auf eine aktive Teilnahme angewiesen. Eine der Grundregeln ist, dass es keine Zuschauer gibt, sondern nur Teilgeber:innen. Ich habe jedoch das Gefühl, dass dies bei einigen der jüngsten Veranstaltungen verloren gegangen ist. Ich kann nur jedem dazu raten, eine Session abzuhalten oder beispielsweise eine Stunde lang bei der Anmeldung zu helfen.
  • Nur wenige Arbeitgeber:innen erkennen, wie wertvoll Barcamps sind. Zwischen zwei vollen Arbeitswochen ein Wochenende auf einem Barcamp zu verbringen, kann anstrengend sein. Die Teilnahme an Barcamps ist in der Regel günstig und die Teilnehmer:innen kehren mit viel neuem Wissen und Inspiration zurück.

Bei welchem Barcamp treffen wir uns?

Die Barcamp-Liste von Jan Theofel ist eine gute Adresse, um nach Veranstaltungen in Ihrer Nähe zu suchen. Für das nächste Jahr stehen das Barcamp Ruhr und das Saarcamp auf meinem Wunschzettel. Das erste Barcamp in Freiburg, das für März 2013 geplant war, hat leider nicht stattgefunden, aber ich hoffe, dass wir eines Tages ein Barcamp in der „Schwarzwaldmetropole“ organisieren können.